Forschungsprogramm

 

Der Traum gehört zu den anthropo­logischen Grund­phänomenen, die – wie Liebe, Sexualität oder Tod – die Men­schen aller Zeiten und Kulturen beschäftigt haben. Er konfrontiert uns mit einer Erlebnis­welt und einer Erlebens­weise, die auf ebenso offen­sichtliche wie rätsel­hafte Weise anders sind als die unseres wachen Lebens. Diese Fremd­heit der Traum­welt als Skandalon wie Faszinosum begründet das kulturelle Interesse am Traum. Die kulturelle ›Traum­arbeit‹ bemüht sich ent­weder um eine Neutrali­sierung oder zumindest um eine Reduktion der Traum-Alterität oder will diese zur Er­weiterung des all­täglichen Wirklichkeits­begriffs und Rationalitäts­verständnisses nutzen – zumeist wird beides, in unter­schiedlichen Akzentuierungen, mit­einander ver­bunden (Engel 2004).

 

Diese kulturelle Aus­einander­setzung mit dem Traum hat eine Jahr­tausende lange Tradition. In heuristischer Sche­matisierung – die sich bereits einer disziplinären Per­spektivierung vom –Stand­punkt der Kunst- und Literatur­wissenschaft aus verdankt – lässt sich die ›Kultur­arbeit‹ am Traum folgendermaßen umreißen: Der wissens­poetologische Traum­diskurs wird von Theorien zu Ent­stehung, Typo­logisierung, Funktion und Deutung von Träumen aus den verschiedensten Disziplinen getragen (wie etwa Mantik, Metaphysik, Theologie, Philosophie, Anthropologie, Ethnologie, Geschichts­wissenschaft, Hirn­forschung, Kognitionstheorie, Physiologie, Psychologie, Psycho­analyse, Neuro­psychologie, Schlaf­forschung, Wahrnehmungs­theorie) und ist mit viel­fältigen kulturellen Praktiken verbunden (wie etwa dem Inkubations­traum, der Deutung des Traums durch Traum­bücher oder dem psycho­analytischen Gespräch, dem Führen von Traum­tage­büchern, der Technik des luziden Träumens). Künstlerische Themati­sierungen und Ge­staltungen des Traums – etwa in Literatur, Malerei, Fotografie und Film – wirken explizit oder implizit am Traum­diskurs mit, indem sie bestehende Traum­theorien wieder­geben, an­wenden, diskutieren, sub­vertieren oder modifizieren und ergänzen. Durch ihre fiktionalen Traum­entwürfe erweitern sie überdies den Raum des Traum­imaginären, konturieren, organisieren und limitieren ihn, wobei die Grenzen zwischen Ver­trautem und Fremdem stets neu verhandelt werden; außerdem integrieren sie den Traum in ihr je medien­spezifisches Repertoire von Genres und Verfahren (Solte-Gresser 2011). Zu fragen ist dabei auch nach einem möglichen spezifischen Traum­wissen der Literatur / Künste, seiner Modalität (propositional, exemplarisch, imaginär) sowie seiner Relation zum Traum­diskurs und nach wissens­poetologischen Wechsel­wirkungen zwischen Traum­darstellungen und Traum­diskurs.

 

Forschungsschwerpunkte

 

Das Interesse von Literatur und anderen Künsten am Traum beschränkt sich jedoch nicht auf diese Mit­arbeit am gesamt­kulturellen Projekt. Traum­dar­stellungen resultieren auch aus genuin ästhetischen Dynamiken der Künste. Daher wird etwa an etablierten Genres (wie der Traum­satire) oder an etablierten Traum­funktionalisie­rungen (wie dem prophetischen Traum als Strukturierungs­element) auch dann noch fest­gehalten, wenn deren Ver­wendung durch zeit­ge­nössische Traum­theorien nicht mehr gedeckt ist. Vor allem aber wirken die besonderen An­forderungen einer Dar­stel­lung von Träumen in den jeweiligen Medien als Innovations­generator. Im Extrem­fall führen sie sogar zur Aus­bildung neuer Darstellungs­verfahren des Imaginären, die sich von eindeutigen Träumen ablösen (zu ›traum­haften‹ Schreibweisen und Darstellungs­verfahren: Engel 2002, Goumegou 2007, Goumegou/ Guthmüller 2011, Kreuzer 2014 [Kreuzer 2011]). Schließlich ergibt sich auch eine Eigendynamik intermedialer Wechsel­wirkungen. So greifen etwa Winsor McCays Comic Dream of the Rarebit Fiend (1904) und Edwin S. Porters Stummfilm-Adaption (USA 1906) gleichermaßen auf die in der Malerei bis weit ins 19. Jahrhundert gängige Konvention zurück, zur Markierung von Traum­szenen den Schläfer in der unteren Bild­hälfte zu zeigen. Für Franz Kafkas traumhaft­bizarres Erzählen hat man eine Orientierung an der Ästhetik des Stumm­films nachgewiesen (Engel 2002, Alt 2002; zur inter­medialen Traum­inszenierung in Spanien: Jacobs 2011). Da der Traum als zugleich trans­disziplinäres und trans­mediales Phänomen ein zu umfangreiches Forschungs­feld darstellt, um selbst im Rahmen eines aus­gedehnten und inter­disziplinären Forschungs­projektes umfassend bearbeitet werden zu können, werden für das Graduierten­kolleg folgende Kristallisations­punkte gesetzt: 

 

  • Medial liegt der Fokus auf ästhetischen und fiktionalen Darstellungsweisen von Traumerleben. Von der Literatur ausgehend werden Filme und bildkünstlerische Arbeiten, fallweise auch Comics/Graphic Novels, Fotografie und Musik einbezogen.
  • Geographisch wird eine Begrenzung auf den europäischen Kulturraum mit besonderem Akzent auf deutschsprachigen, englischen, romanischen und slawischen Kulturen vorgenommen
  • Historisch gilt es, die nach-antike Zeit – schwerpunktmäßig ab dem Mittelalter – zu untersuchen, wobei Traditionsprägungen aus Antike, Bibel etc. mit ihrer (teils erstaunlichen) longue durée zu berücksichtigen sind (Traumtheorie und Traumdichtung der Antike sind bereits gut erforscht; vgl. etwa: Erny 2005, Hermes 1996 u. 2002, Kessels 1978, Näf 2004, Walde 2001)
  • Methodisch und disziplinär ist das Graduiertenkolleg kulturwissenschaftlich und wissenspoetisch ausgerichtet (vgl. Borgards/Neumeyer/Pethes/Wübben 2013, Engel 2001, Klausnitzer 2008, Köppe 2011b). Sein Forschungsgegenstand ist der Traum als Kulturphänomen und damit ein Produkt kultureller Arbeit und konzeptueller wie ästhetischer Konstruktionen. Indem der Traum als kulturelles Konstrukt verstanden wird, geht das Graduiertenkolleg von keiner bestimmten Traumtheorie aus. Sämtliche Traumtheorien werden vielmehr als Teil des Traumdiskurses verstanden und gelten gleichermaßen als Wissensobjekte. Dies schließt die Mitwirkung von VertreterInnen der Disziplinen aus, die den Traum als direkten Erkenntnisgegenstand behandeln (wie etwa Psychologie, Neurophysiologie, Kognitionswissenschaft oder Schlafforschung).

 

Forschungsziel

 

Das Forschungs­ziel des Kollegs ist eine Wissens- und Kultur­geschichte von Traum­darstellungen in unter­schiedlichen Medien (Literatur, Film, bildende Kunst, ggf. Musik), verbunden mit einer systematischen, inter­medialen Ästhetik und Poetik des Traums in den europäischen Kulturen der Nach-Antike. Der besondere Akzent liegt auf der literarischen Arbeit am Traum und deren Aus­wirkungen auf das literarische System. Geleitet durch die gemeinsame Forschungs­reflexion im Kolleg über Traum(erleben) und dessen individuelle und kulturelle Ver­mittlung soll der Mehr­wert der einzelnen Doktor­arbeiten, Vortrags­reihen und Tagungen über den Status singulärer Fallstudien hinausgehen. Eine inhalt­liche Synthese wird in den vier anvisierten Work­shops erarbeitet, in denen Antrag­stellerInnen und Assoziierte unter Beteiligung hinzugeladener ExpertInnen eigene Textbeiträge zum Forschungsfeld liefern werden. Kritisch reflektiert, nachbearbeitet und systematisch zusammen­geführt werden diese in gemeinsamen Diskussionen, wobei jeweils zwei Verantwortliche für die kulturelle Perspektive (Kulturgeschichte: Engel; ›Einzelwerk‹: Stahl) und die mediale Perspektive (Inter-/Trans­medialität: Kreuzer; ›Einzelwerk‹ Solte-Gresser) vorgesehen sind. Als Ergebnis ist neben dem gemeinsam erstellten Traum-Wiki eine Kolleg-Publikation zu ›Europäischen Traumkulturen‹ geplant. Diese wird die Forschungs­leistung dokumentieren und als über­greifende und ver­bindende Gesamt­struktur für die Einzel­forschungsansätze dienen. Insgesamt soll und kann keine vollständige Kultur- und Kunst­geschichte des Traums angestrebt werden. Es gilt daher, folgende Aspekte zu fokussieren:

 

  • wissensgeschichtlich repräsentative Texte des Traumdiskurses und ästhetische Traumdarstellungen, die Spezifika einer Epoche, eines Kulturraums oder eines Mediums erhellen und an denen historische, mediale und nationalphilologische Merkmale der Traumdarstellung aufgezeigt werden können
  • innovative Texte des Traumdiskurses und ästhetische Traumdarstellungen, die Umbrüche innerhalb der Kunst- und Kulturgeschichte des Traums markieren
  • exemplarische Studien zum Verhältnis zwischen Traumdiskurs und künstlerischer Traumdarstellung, die unterschiedliche Modi ihrer Relationierung untersuchen (Parallelismus, Antagonismus, eigenständige Innovationen im Bereich der künstlerischen Traumdarstellungen)
  • exemplarische komparatistische Untersuchungen, die Synchronizitäten und Asynchronizitäten zwischen Nationalliteraturen und Kulturraum-Konstellationen überprüfen und damit auch eine kritische Überprüfung bestehender Epochenkonstruktionen ermöglichen
  • Studien zu einzelnen Traum-Genres und zu den Relationen und Interaktionen zwischen einer Literaturgeschichte des Traums und der Geschichte der Traumdarstellung in anderen Medien wie etwa Film und bildende Künste oder auch Fotografie, Oper, Lied, Graphic Novel, um parallele wie gegenläufige Entwicklungstendenzen, gemeinsame Abgrenzungsbewegungen und vergleichbare formale Merkmale herauszuarbeiten.

 

Im Methodo­logischen erwarten wir Innovationen in den Bereichen der systematischen Kontextualisierung und der Re­konstruktion von Wissens­formationen, der literatur­geschichtlichen und inter­medialen Komparatistik, der Systematisierung nicht-realistischer literarischer und künstlerischer Verfahren und Semiotisierungs­techniken sowie der Spezifizierung literarischen, filmischen und künstlerischen ›Wissens‹.

 

 

Forschungsbibliographie (Stand: 30. September 2018)

 

 

Zusammensetzung der beteiligten WissenschaftlerInnen

 

Aus diesen Ziel­setzungen ergibt sich die Zusammen­setzung der Gruppe der Antrag­stellerInnen und assoziierten WissenschaftlerInnen: Die Kern­gruppe besteht einerseits aus VertreterInnen einzelner philologischer Disziplinen (Anglistik, Germanistik, Romanistik, Slawistik, Mediävistik, Komparatistik) und anderer­seits aus ExpertInnen für Literatur-, Film-, Medien-, Kunst- und Kultur­wissenschaft. Einschlägig qualifizierte assoziierte WissenschaftlerInnen ergänzen diesen Kern­bereich um Kompetenzen in Musik­wissenschaft, Philosophie, antiker Philologie, Theologie und Medizin­geschichte oder verstärken ihn in den Bereichen Film­wissenschaft und Kunst­geschichte.

 

 

 

Bibliographie

 

Alt, Peter-André: Der Schlaf der Vernunft. Literatur und Traum in der Kulturgeschichte der Neuzeit. 1. Auflage. München: Beck 2002.  

 

Borgards, Roland, Harald Neumeyer, Nicolas Pethes u. Yvonne Wübben (Hrsg.): Literatur und Wissen. Stuttgart: Metzler 2013.  

 

Engel, Manfred: Jeder Träumer ein Shakespeare? Zum poetogenen Potential des Traumes. In: Rüdiger Zymner u. Manfred Engel (Hrsg.): Anthropologie der Literatur. Poetogene Strukturen und ästhetisch-soziale Handlungsfelder. Paderborn: mentis 2004. S. 102–117.

 

—: Traumnotat, literarischer Traum und traumhaftes Schreiben bei Franz Kafka. Ein Beitrag zur Oneiropoetik der Moderne. In: Dieterle, Bernard (Hrsg.): Träumungen. Traumerzählungen in Film und Literatur [1998]. St. Augustin: Gardez 2002. S. 233–262.

 

—: Kulturwissenschaft/en – Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft – kulturgeschichtliche Literaturwissenschaft. In: KulturPoetik. Zeitschrift für kulturgeschichtliche Literaturwissenschaft 1 (2001). S. 8–36.  

 

Erny, Pierre: Les chrétiens et le rêve dans l'Antiquité. Paris: L'Harmattan 2005.  

 

Goumegou, Susanne: Traumtext und Traumdiskurs. Nerval, Breton, Leiris. München: Fink 2007.

 

— u. Marie Guthmüller (Hrsg.): Traumwissen und Traumpoetik. Onirische Schreibweisen von der literarischen Moderne bis zur Gegenwart. Würzburg: Königshausen & Neumann 2011.  

 

Hermes, Laura: Traum und Traumdeutung in der Antike. Zürich: Artemis & Winkler 1996.

 

—: Träumen wie die alten Römer - Antike Traumsymbole von A-Z. Königsfurt: Königsfurt-Urania 2002.  

 

Jacobs, Helmut C.: El sueño de la razón. El Capricho 43 de Goya en el arte visual, la literatura y la música. Madrid: Vervuert 2011.  

 

Kessels, Antonius H.: Studies on the Dream in Greek Literature. Utrecht: Brill 1978.

 

Klausnitzer, Ralf: Literatur und Wissen. Zugänge – Modelle – Analysen. Berlin: De Gruyter 2008.  

 

Köppe, Tilmann: Literatur und Wissen: Zur Strukturierung eines Forschungsfeldes und seiner Kontroversen. In: Tilmann Köppe (Hrsg.): Literatur und Wissen. Theoretisch-methodische Zugänge. Berlin: De Gruyter 2011. S. 1–28.  

 

Kreuzer, Stefanie: Traum und Erzählen – in Literatur, Film und Kunst. München: Fink 2014.  

 

Näf, Beat: Traum und Traumdeutung im Altertum. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2004.  

 

Solte-Gresser, Christiane: »Alptraum mit Aufschub«. Ansätze zur literaturwissenschaftlichen Analyse von Traumerzählungen. In: Susanne Goumegou u. Marie Guthmüller (Hrsg.): Traumwissen und Traumpoetik. Onirische Schreibweisen von der literarischen Moderne bis zur Gegenwart. Würzburg: Königshausen & Neumann 2011. S. 239–262.  

 

Walde, Christine: Antike Traumdeutung und moderne Traumforschung. Düsseldorf: Artemis & Winkler 2001.

 

 

Forschungsbibliographie (Stand: 30. September 2018)