Aktuelles

Gesamtüberblick Wintersemester 2019/20

Nächste Veranstaltung

»Träumen mit allen Sinnen. Sinnliche Wahrnehmung in ästhetischen Traumdarstellungen«

Internationale Nachwuchstagung des Graduiertenkollegs »Europäische Traumkulturen«

 

10.-12. Februar 2020, Villa Europa, Saarbrücken (English version, version française)

Programm: hier

In ihren Memoiren schreibt die taubblinde Schriftstellerin Helen Keller 1903: »In my dreams I have sensations, odours, tastes, and ideas which I do not remember to have had in reality.« Der Traum lässt sich in der Tat nicht auf seine visuelle und sprachliche Dimension reduzieren, sondern schließt weitere Formen der Wahrnehmung und Erfahrung mit ein: Geträumt wird mit allen Sinnen, wie auch die neurowissenschaftliche Forschung belegt (Bulkeley 2009, Schredl 2008). Noch vor jeglichem psychoanalytischen, hermeneutischen oder naturwissenschaftlichen Versuch der Bedeutungs- und/oder Funktionszuschreibung stellt der Traum damit eine elementare Körpererfahrung dar: Von der Schwerlosigkeit des Fliegens bis hin zum Erleben einer paralysierenden Starrheit, von der erotischen Erregung bis hin zu den körperlichen Impulsen von Wut oder Angst, wird in Träumen die leiblich-sinnliche Dimension unmittelbar erlebt.

 

Ihrerseits stellt die sinnliche Wahrnehmung bekanntlich ein Feld dar, auf dem die Künste in besonders produktiver Weise operieren. Von den Sinnesallegorien der flämischen Barockmalerei des 17. Jahrhunderts bis zum Klarinettenkonzert D’om le vrai sens (2011) der finnischen Komponistin Kaija Saariaho, von den spätmittelalterlichen Bildteppichen La Dame à la licorne (16. Jh.) bis hin zu Jeremy Podeswas Episodenfilm The five senses (CAN 1999) oder David Mackenzies Science-Fiction-Filmdrama Perfect Sense (DE/UK/DK 2011) werden außerdem die fünf Sinnesorgane oft selbst zum Gegenstand ästhetischer Darstellungen. Synästhetische Erfahrungen bilden eine weitere Dimension, mit der die Künste – von Richard Wagners Idee eines Gesamtkunstwerkes bis hin zu Wassily Kandinsky oder der Installationskunst – ihre sensorischen und medialen Grenzen erweitern. Schließlich lässt sich mit dem Philosophen Otto Friedrich Bollnow die These aufstellen, dass die Sinnesorgane erst durch die Kunst »zu eigentlichen menschlichen Sinnen« werden, was dem Wechselverhältnis zwischen ästhetischen Artefakten und sinnlicher Wahrnehmung eine pädagogische und durchaus politische Funktion zuspricht (Bollnow 1988: 31).

 

Trotz der gemeinsamen Verortung von Traum und Ästhetik in der leiblichen Erfahrung und der sensorischen Wahrnehmung, ist die Forschung zu dieser Thematik noch wenig ausgeprägt. Einige Disziplinen, wie etwa die phänomenologisch ausgerichtete Filmwissenschaft (Barker 2009, Casetti 2008) oder interdisziplinäre Ansätze wie die sogenannte Somaästhetik (Shusterman 2005 u. 2012) haben jüngst versucht, den Zusammenhang zwischen ästhetischen Artefakten und ihrer leiblichen Dimension wissenschaftlich zu erforschen. Das DFG-Graduiertenkolleg »Europäische Traumkulturen« (GRK 2021) hat sich auf einer Konferenz im März 2018 bereits mit Träumen als Grenzerfahrungen an den Rändern des Lebens beschäftigt und geträumten Erfahrungen von Geburt und Tod in Literatur, Kunst, Musik und Film einen eigenen Band gewidmet (Bertola/Solte-Gresser 2019). An die hier diskutierten Fragestellungen knüpft die geplante Tagung an, indem sie einerseits das thematische Spektrum auf alle Formen der Sinneswahrnehmung im Traum ausweitet, sich andererseits aber auf die Spezifik der ästhetischen Inszenierung solcher Erfahrungen konzentriert: Willkommen sind Beiträge, die Präsenz, Darstellungsverfahren und Funktionen sinnlicher Erfahrung in ästhetischen Traumdarstellungen untersuchen. Die Ausrichtung der Tagung ist dabei, dem Konzept der »Europäischen Traumkulturen« entsprechend (Oster/Reinstädler 2017) Kulturraum, Epochen, Medien und Disziplinen übergreifend.

»Nachtgeschichten der Vernunft. Traum und Traumtheorie in der europäischen Aufklärung«

Prof. Dr. Peter-André Alt (Freie Universität Berlin)

10. Februar 2020 | 12–14 Uhr | Villa Europa | Kohlweg 7 | 66123 Saarbrücken

Der Vortrag untersucht die einzelnen Stationen der aufgeklärten Theorie des Traums. Er zeigt, wie der Rationalismus auf radikale Weise mit den alteuropäischen Interpretationsmodellen des Traums (Mantik, Humoralpathologie) bricht und eine Art Nullpunkt definiert; er erläutert, wie sich dann aus unterschiedlichen Perspektiven (Leibniz-Wolffsche Schulphilosophie, Empiris-mus, Erfahrungsseelenkunde, Popularphilosophie) neue Formen der Traumerklärung ent-wickeln, die vielfältiger sind, als es zunächst den Anschein hat. Obwohl das Zeitalter der Vernunft den Traum für eine Spielart irrationaler Sinnlosigkeit hält, sucht es die Ausein¬an-dersetzung mit ihm und entfaltet Grundmuster seiner Phänomenologie. Damit zeigt sich, dass das Andere der Ratio auch in der Aufklärung gedacht und reflektiert werden kann. Es ist weder ganz abwesend noch allein dialektisch über die Mechanismen seiner Unterdrückung präsent, sondern im Diskurs der Vernunft auf produktive Weise gegenwärtig.