Trotz wichtiger Forschungsbeiträge finden sich viele mittelalterliche und frühneuzeitliche Traumerzählungen, die bisher kaum oder gar nicht untersucht worden sind. Hierzu zählt auch eines der bedeutendsten Beispiele aus der Exempelliteratur des Mittelalters: Heinrich von Mügeln, einer der bekanntesten Hofdichter des 14. Jahrhunderts, beendete 1369 seine deutschsprachige Überarbeitung der Factorum et dictorum memorabilium libri IX des Valerius Maximus (1. Jh. n. Chr.), in der ca. 1000 Exempel präsentiert werden, die tugendhaftes oder frevlerisches Verhalten aufzeigen sollen. Diese Exempelsammlung enthält ein eigenes Kapitel zu den Träumen De somniis bzw. Von den Trewmen (Buch I, Kapitel 7), das insgesamt 18 Traumexempla überliefert. Hier werden vor allem Träume erzählt, die eine Herrschaftsübernahme oder den Tod eines in der römischen und nicht-römischen Geschichte verortbaren Protagonisten prognostizieren, wie Calpurnias Traum von Julius Caesars Ermordung, Alexanders Traum über seine eigene Ermordung oder der Traum über die Geburt des Dionysius von Syrakus. Indem Heinrich von Mügeln diese Exempla, in denen alle Träume wahrhaftige Vorausdeutungen auf zukünftige Ereignisse geben, vollständig rezipiert, gewährt er so das Fortleben antiker Auffassungen über Träume bis in das Mittelalter und die Frühe Neuzeit. Heinrichs Text ist aber keine unmittelbare Übersetzung des lateinischen Textes von Valerius Maximus, denn er gibt die Exempel verkürzt wieder und deutet sie im Sinne des kulturhistorischen Kontextes mithilfe der exzipierten Übersetzung des lateinischen Kommentars von Dionysius de Burgo Sancti Sepulchri (ca. 1280–1342). Ein direkter Vergleich der Fassungen von Valerius Maximus, Dionysius und Heinrich von Mügeln im Hinblick auf die Traumexempel kann aufzeigen, welche Stellung die Träume zur jeweiligen Zeit der Bearbeitung in der (literaten) Gesellschaft hatte und wie die literarische Vermittlung derselben Stoffgeschichte durch nuancierte Veränderungen unterschiedlich gerahmt werden konnte.

Franziska Heck
DOKTORANDIN
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Franziska Heck studierte bis 2018 Germanistik und Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Den Master Germanistik (Schwerpunkte: Literatur und kulturelle Praxis, Deutsche Sprachwissenschaft) absolvierte sie 2021 an der Universität des Saarlandes mit einer Arbeit zu der Handschrift über den Kriegszug des Herzog Wolfgangs von Zweibrücken in den Hugenottenkrieg im Jahr 1569.
Seit April 2021 ist Franziska Heck als Doktorandin im Graduiertenkolleg »Europäische Traumkulturen« beschäftigt und arbeitet an einer Dissertation zum Thema „Antike Traumerzählungen im 14. Jahrhundert: Heinrichs von Mügeln Bearbeitung der Facta et dicta des Valerius Maximus im kultur- und rezeptionsgeschichtlichen Kontext“.
Forschungsinteressen
- Träume in der Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit
- Editionstheorie und -praxis
- Antikenrezeption im Mittelalter
- Narratologie in mittelalterlicher Epik
Abstrakt des Promotionsprojekts
Antike Traumerzählungen im 14. Jahrhundert: Heinrichs von Mügeln Bearbeitung der Facta et dicta des Valerius Maximus im kultur- und rezeptionsgeschichtlichen Kontext
Die zeitgenössische Popularität von Träumen und Traumdeutung zeigt sich bereits an der breiten Überlieferung der facta et dicta in mehreren Sprachen (Latein, Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch). Die deutschsprachige Exempelsammlung von Heinrich von Mügeln, die mit bisher 23 Handschriften und einem Frühdrück überliefert ist, erfuhr ebenfalls eine weite Verbreitung im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit. Als notwendige Voraussetzung und Bestandteil der Untersuchung wird dieses bislang unerforschte Traumkapitel in Heinrichs von Mügeln Überarbeitung unter Berücksichtigung aller Handschriften und des Frühdrucks im Rahmen des geplanten Dissertationsprojektes kritisch ediert, kontextualisiert und kommentiert. Darauf aufbauend werden die Bedeutungen und Funktionen der Traumerzählungen innerhalb ihres narrativen, kultur- und rezeptionsgeschichtlichen Kontextes untersucht.
Heinrichs von Mügeln facta et dicta ist nicht nur für die mediävistische Traumforschung von großem Interesse, da sie die Vorstellungen der Antike über Träume aufgreift und in den spätmittelalterlichen Kontext überträgt, sondern auch, weil sie als antike Muster transformierende weltliche Hofliteratur mit exemplarischem Anspruch die Hofkultur im Spätmittelalter und dem Frühhumanismus prägte.
Publikationen
- Heck, Franziska: „Helmbrecht“ (Wernher der Gärtner). In: Lexikon Traumkultur. Ein Wiki des Graduiertenkollegs „Europäische Traumkulturen“, 2023; URL: http://traumkulturen.uni saarland.de/Lexikon Traumkultur/index.php?title=%22Helmbrecht%22_(Wernher_der_G%C3%A4rtner).
Vorträge & Konferenzen
07. September 2023
„sorgen und fröiden. Traum und Emotion in den mittelalterlichen Alexanderromanen“ zusammen mit Prof. Dr. Nine Miedema an der Tagung „Traum und Emotionen. Tagung zu Ehren von Manfred Engels 70. Geburtstag“ in Saarbrücken.
15. Februar 2023
„Von Julius Caesar, Augustus und Alexander dem Großen: Antike Herrscher in Traumexempeln des Mittelalters und der Frühen Neuzeit“ am Frühjahrsworkshop des Graduiertenkollegs „Europäische Traumkulturen“ in Saarbrücken.
26. September 2022
„Der biber muoz vil hôhe geben / sîne geilen für sîn leben – Die ambivalenten Eigennamen des Franz Karl Biberkopf und das metaphorische Motiv des Bibers als Zeichen der Verwandlung in ein anderes Ich?“ im Panel „Der Traum vom anderen Ich – Mehrdeutigkeiten in Berlin Alexanderplatz von Döblins Roman (1929) bis zum Film (2020): Trauma, Migration, Transgression I & II“ am Deutschen Germanistentag 2022 in Paderborn.
25. bis 26. September 2022
Organisation und Durchführung des Doppelpanels „Der Traum vom anderen Ich – Mehrdeutigkeiten in Berlin Alexanderplatz von Döblins Roman (1929) bis zum Film (2020): Trauma, Migration, Transgression I & II“ am Deutschen Germanistentag 2022 in Paderborn.
Juni 2021
Vortrag „Die Päpstin Johanna in Saarbrücken?“ (zusammen mit Prof. Dr. Nine Miedema) am Tag der offenen Tür 2021 der Universität des Saarlandes.
August 2019
Vortrag „Die letzte Reise Herzog Wolfgangs: Die Amberger Handschrift“ (zusammen mit Alrun Frings und Prof. Dr. Nine Miedema) in der Bibliotheca Bipontina, Zweibrücken. Begleitend zur in der dort gezeigten Ausstellung zum 450. Todestag von Herzog Wolfgang von Pfalz-Zweibrücken.
Kulturelle Projekte
„Traumstädte“ – Lesung und Gespräch mit Sebastian Guhr. Der Autor liest aus Die Verbesserung unserer Träume, in Kooperation mit der „Villa Lessing – Liberale Stiftung Saar“, 02. Februar 2023, 19 Uhr, Villa Lessing, Saarbrücken (Präsenz und online).
Lehre
2018 – 2021
Tutorin für die Proseminare zur Lektüre mittelhochdeutscher Werke an der Universität des Saarlandes
Sonstiges
Mitglied in der Gesellschaft für Deutschen Germanistenverband (DGV) seit Juli 2022.
